Chemnitz 2018 oder was ist überhaupt los?

Ein Blick zurück, 86 Jahre genau, da erklärte der spätere, erste Nachkriegs- SPD-Parteivorsitzender Kurt Schumacher in Chemnitz, dass „die Gefahr einer nationalsozialistischen Parteidiktatur gebannt sei und es müsse nur noch eine Regierungsbeteiligung der NSDAP verhindert werden.“

Er lag falsch. Und auch wir liegen mit Sicherheit heute falsch, mich eingeschlossen. Ist der Mob entbrannt, gibt es keine Handlungslogik mehr, nur Hass und Gewalt.

Jeder Riss in der Gesellschaft, hat einen Anfang. Und dieser Riss, dessen Fronten wir alle in Chemnitz 2018 erleben, ist inzwischen breit klaffend. Ich bin mir nicht sicher, ob sich dieser Riss wieder schliesen lässt- und das ist ziemlich einmalig in meinem bisherigen Leben.

Es sind nicht die 7000 Entfesselten die durch die Stadt jagen, es sind viel mehr die Massen, die noch zuhause sitzen, die, die an den Stammtischen reden und bei der Frühstückspause. Sie bereiten mir Sorgen, die da mit ihrer „BILD“ Zeitung in der Hand angestachelt werden, täglich und die da im Alltag leichtfertig von Kanaken sprechen, auch wenn sie es gar nicht immer rassistisch meinen. Ja, wir haben ein Rassismus-Problem in diesem Land, aber nicht erst seit 2018. Und die trauen sich jetzt wieder „frei auszusprechen, was schon lange gesagt werden muss“.

Die Gesellschaft driftet auseinander und auf die Repräsentanten dieses Staates ist kein Verlass mehr. Das merken die Menschen, sie spüren die Spannungen und es ist ein absolutes Unding was inzwischen Bundesinnenminister Seehofer von sich gibt. Keine klare Kante gegen Gewalt oder Menschenhass, geht gar nicht von einem Bundesminister.

Er, seit Jahren Leithammel und Feuerteufel der Antiflüchtlingstruppe, er, der wie einst der Rattenfänger von Hameln die Menschen hinter sich versammeln wollte, indem er Falschbehauptungen laut gekoppelt mit populistischen Angriffen ausspieen hat und sie dennoch den Anderen hinterher laufen. Er höchstpersönlich hat Zuwanderung, Einwanderung auf Dauer und die Aufnahme von Flüchtenden in einen Topf geworfen, statt sauber getrennt zu kommunizieren, wer auf Dauer einwandert und wer nach Wegfall der Fluchtursachen wieder zurück in die Heimat gehen wird.

Doch das ist nur die helle Seite der Medaille, denn die andere liegt nicht so klar sichtbar.
In einer Gesellschaft, wo sich immer mehr Menschen abgehängt fühlen, in der Besitzstandswahrern Angst eingeflösst wird, in der sich schier übermächtige Konzerne ausbreiten und den sozialen Kitt aus der Gesellschaft löffeln und sich in traumhaften Geschäftszahlen laben und dabei eine Politik gegen den Kleinen Mann gemacht wird, dort entsteht der Nährboden für plumpen Populismus und Denkfaulheit im Kopf. Keiner will mehr Gründe und Ursachen erfahren, wenn es so einfach ist, einen Schuldigen durch die Strassen zu jagen.

Keiner will erfahren, dass es nicht die Schuld von Flüchtenden ist, dass bei uns Hartz4ler sanktioniert werden, dass der Niedriglohnsektor auf einen Lohnniveau dümpelt, das kein auskömmliches Leben mehr ermöglicht und dass die Rente der Alten oft kaum zum Überleben reicht, für ein Pflegeheimplatz reicht es trotz Pflegeversicherung sowieso nicht, – wenn auf der anderen Seite die Fahrzeuge immer dicker werden, die Yachten immer größer und die Uhren an den Armgelenken mehr kosten, als ein Rentner im Leben ausgezahlt bekommt. Die gefühlte und reale Ungleichheit nimmt radikal zu, die Einkommen sinken unten in der Kaufkraft deutlich ab, und auf der anderen Seite wird immer unverschämter hingelangt. Da werden für Fernsehsprecher hunderttausende von Euro Jahresgehalt gezahlt, da stecken Politiker ihre Hände tief in die Geldtöpfe der Wirtschaft und die die besonders viel haben, zahlen nicht in die Sozialsysteme.

Die Gesellschaft im 21. Jhd. muss erkennen, dass die Ursache das Streben nach immer Mehr, nach Profit, Wachstum und die Ausgeburten des zum Neofeudalismus entfachtenem Neoliberalismuses ist. Dieser Kern bedingt viele der negativen und Zukunftschancen-raubenden Folgen, angefangen von den Umwelt- und Klimafolgen unseres Systems bis zu den in der Gesellschaft aufbrechenden Spannungen.

Wir brauchen ein neues Zeitalter, wo es wieder mehr um das Bewahren von universellen und humanen Werten geht, statt um Leistungssteigerungen und ewigen Wachstums. Wir sind an der Grenze der Belastbarkeit der natürlichen Systemen angekommen, und ebenso an der sozialen Belastungsgrenze der Gesellschaft. Wir brauchen ein Miteinander und ein Einsehen, gerade bei denen die viel haben und können, dann werden wir einen Weg finden.

Scheitert das, dann wird sich der Protest an der Hassfigur Merkel entzünden und das alte Drehbuch wird wieder gezückt. Lasst uns das verhindern.

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